#06 Zwei Wahrheitsverständnisse im Konflikt – oder: Warum die Verzeitlichung der Wahrheit keine Bedrohung sein muss

  • Falsche Vorwürfe gegenüber Bibelfundamentalismus

  • „Wahrheit“ | Die Klärung des Ausgangspunktes
    • Dilemma Nr. 1: Das Absolute an sich
    • Dilemma Nr. 2: Der Zugang zum Absolutem
    • Dilemma Nr. 3: Die Verwaltung des Absolutem
  • These: Die Kirchengeschichte als Konflikt zwischen zwei Wahrheitsverständnissen
  • Der Vorschlag eines neuen Denkmusters: Ein räumliches und ein zeitliches Wahrheitsverständnis
  • Exkurs: Moderne Physik
    • Zum hebräischen Zeitverständnis
  • Zurück zur biblische Geschichte und mit ihrer Verlängerung ins Heute
    • Die alten Religionen und ihr mythologisches Weltbild
    • Das Volk Israel und sein Geschichtsverständnis
    • Die (griechische) Verräumlichung der Wahrheit
    • Neuzeit: Die erneute Verzeitlichung der Wahrheit
  • Die raumzeitliche Wahrheit als das neue Absolute

7 Gedanken zu „#06 Zwei Wahrheitsverständnisse im Konflikt – oder: Warum die Verzeitlichung der Wahrheit keine Bedrohung sein muss“

  1. Ich bin von der gesamten Podcastreihe über den Bibelfundamentalismus schwer begeistert und beeintruckt, muss hinsichtlich dieser Folge aber trotzdem eine kleine Anmerkung machen, weil ich „das Absolute“ im hellenistischen Denken nicht korrekt beschrieben finde, wenn man es als „punktuell“ charakterisiert.

    Gerade der auch im Podcast erwähnte Philosoph Plotin hat in seiner „Metaphysik des Einen“ das Absolute sehr exakt definiert, nämlich „als das aus jedem Gegensatz Herausgenomme, oder Übergegensätzliche“.

    Damit ist „das Absolute“ bei Plotin also kein „punktueller“ Begriff sondern ein transzendenter, der hinsichtlich seines Einflusses auf das Christentum, zum Beispiel bei Meister Eckharts negativer Theologie bedeutsam wurde.

    Das nur nebenbei und im Bewusstsein, dass du den Begriff des Absoluten eben anders verstehst/definierst, was ja auch völlig okay ist.

    Ich bin sehr dankbar für deine tolle Arbeit Bruder Jens! Du machst das super!

    1. Hallo Daniel,
      vielen Dank für deine fachspezifische Rückmeldung. Und danke für das Feedback.
      Vermutlich habe ich bei Plotin nicht sauber genug formuliert (oder kenne mich noch nicht genau genug aus). Nach meinem Verständnis geht es auch nicht um einen „Punkt“. Wenn ich es aber richtig verstehe, läuft es bei der „Pyramide des Seins“ letztendlich auf das Eine zu. Aber nicht im Sinne eines ontologisch fassbar Einen, sondern als eine Art von transzendenter Negation der Vielheit. Im Wesentlichen ging es mir aber darum, ob Wahrheit eher „räumlich-statisch“ oder „zeitlich-dynamisch“ verstanden wird. Daraus ergeben sich dann vielfache Konsequenzen.
      Hast du Literaturtipps für mich, bei Plotin noch tiefer einzusteigen?

  2. Hallo Jens,

    Du hast das schon ganz richtig verstanden, wenn Du von einer transzendenten Negation der Vielheit sprichst. Das Viele, als scheinbarer Gegensatzbegriff zum Einen, wird in der plotinischen Einheitsmetaphysik als „geeinte Vielheit“ verstanden. So dass das Eine selbst in seinem scheinbaren Gegensatzbegriff immer schon vorausgesetzt wird und also keinen Gegensatz kennt. Das Eine ist bei Plotin somit das Absolute, verstanden, als das aus jedem Gegensatz Herausgenommene, oder eben Übergegensätzliche.

    Eine sehr gute und auch sehr gut lesbare Einführung hat Jens Halfwassen geschrieben. Plotin und der Neuplatonismus heißt das Buch.

    Meine zweite Empfehlung wäre das Buch von Werner Beierwaltes:Das wahre Selbst.
    Studien zu Plotins Begriff des Geistes und des Einen.
    Das ist dann aber schon sehr wissenschaftlich.

    Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute. Und nochmals vielen Dank für diesen tollen, sehr gut, sensibel und intelligent gemachten Podcast.

    Gottes Segen wünscht,
    der Daniel

    1. Hallo Daniel,
      alles klar, danke für die weiteren Ausführungen und die Literaturtipps. Das ist eine gute Spur, um die Thematik noch weiter zu durchdringen.
      Schönen Tag dir
      Jens

  3. Hallo Jens,
    das ist mal ein echt spannender Podcast, bin hier über den Wort und Fleisch Podcast von Worthaus auf dich gestoßen.
    Ich finde deine Gedanken echt spannend gerade weil ich -wie ich in den letzten Tagen merke – wohl auch durch ein wie von dir beschriebenes „fundamentalistisches“ Denken geprägt wurde.

    So wie ich dich verstehe macht Glaube und das Verständnis Jahwes mit der Zeit eine Entwicklung durch, die wir durchaus zulassen sollen und sogar müssen damit Glaube und die Aussagen der Bibel aktuell und auch verständlich bleiben.
    Mir kamen da direkt Verse in den Kopf wie „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit“ (Hebräer 13:8), oder das Jesus das „A und O“ und damit Anfang und Ende ist (Offb 1:8).
    Bezogen auf den Namen Gottes „Ich bin der ich bin“ sagtest du, dass Gott ein „mitgehender Gott“ ist, diesen Gedanken finde ich wunderschön.

    Wie würdest du nun die Hebräerstelle verstehen und auslegen? Da Gott ja nicht zeitlich ist, er ist ja außerhalb der Zeit. Oder verstehst du es als eine Anpassung Gottes an das Geschehen in der Welt?

    Danke Dir für die Mühe und die Zeit die du hier reingesteckt hast! 🙂

    Liebe Grüße
    Lucas

    1. Hallo Lucas,
      vielen Dank für deine anspornende Rückmeldung und eine spezifische Rückfrage (tut mir leid, dass ich erst jetzt reagiere.).
      Deine Frage ist sehr berechtigt.
      Ich stimme mit dir überein, dass Gott jenseits von Zeit und Raum ist. Das ist außerhalb unserer Vorstellungskraft.
      „Ohne Zeit“ heißt jedoch nicht statisch. Eine statische Gottesvorstellung ist Raum-gebunden.
      Letztendlich können wir von Gott nur wahrnehmen, wie er sich in Zeit und Raum offenbart. Inkarnation verstehe ich so, dass Gott sich ganz in unsere Raum-Zeit-Geschichte hineinbegibt. Dass Gott „unveränderbar“ ist, ist eine rein abstrakte Vorstellung.
      Das Reale ist das Mitwandern Gottes durch unsere Biografie und durch die Menschheitsgeschichte.
      Das Bild vom „Mitwandernden Felsen“ macht deutlich, dass es im hebräischen Verständnis nicht um statische Starrheit und Stabilität geht.
      Sondern die „Felshaftigkeit Gottes“ zeigt sich in seiner in der Zeit mitgehenden Treue. Gerade in seinem „Mit-uns-mitgehen“-Verhalten zeigt sich seine „Unveränderlichkeit“. Wenn wir also von „derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ sprechen, dass ist aus meiner Sicht wichtig, das nicht nur räumlich, sondern raum-zeitlich zu verstehen.
      Mehr dazu findest du im Podcast „Fluide Kirche“ Episode #13: https://jensstangenberg.de/podcast/fluide-kirche/
      Liebe Grüße von Jens

  4. Das Thema „Wahrheit“ hat mich mehrere Jahre beschäftigt. Und zwar ausgehend von Joh 14,6 wo Jesus sagt „Ich bin die Wahrheit.“ Wie kann jemand Wahrheit SEIN? Ontologisch ist das eine sehr erstaunliche Ansage. Ich verstehe Jesu Wahrheitsbegriff (zunächst einmal griechisch) derart, dass alle Schöpfung permanent durch sein Wort ausgeht und im Sein erhalten wird. Jesus ist die Quelle aller Schöpfungsinformation, die in Existenz bringt.

    Der Jesuit und Fundamentaltheologe Peter Knauer kommt in seinem Konzept einer Relationalen Ontologie zum Schluss, dass Jesus bzw. Gott das einzige ist, was wirklich existiert. Die Schöpfung ist „nur“ eine Ableitung, der eine unabhängige (non-relationale) Existenzgrundlage fehlt. Beispiel: Romeo und Julia gegenüber Shakespeare.

    Auf diesen Umstand verweist die Rede vom „Wahrheit SEIN“: Jesus bzw. Gott ist das einzig real existierende, auf das alles zurückfällt, würde sein schöpferisches Wort verstummen. Wahrheit meint hier also den ontologischen Urgrund, den letzten Beweger.

    Ich habe quer durch die Naturwissenschaften nach Belegen für eine solche Ontologie gesucht. Und in der Quantenphysik bin ich auf eine spannende Spur gestoßen. Namhafter Physiker vertreten die Meinung, dass die allen Teilchen zugrundeliegende „letztkausale“ Grundlage Information ist. Information „formt“ oder „gebiert“ Materie. Und es stellt sich die Frage, woher diese Information kommt? Denn Information hat immer einen „Autor“, einen Urheber als Quelle. Max Planck nannte diese Quelle (sehr zum Missfallen vieler seiner Kollegen) „Geist“. Wow, dachte ich. Physik und Theologie blicken auf dieselbe Schöpfung von verschiedenen Seiten – und hier und da berühren sie sich schon.

    Im Weiteren habe ich den hebräischen Wahrheitsbegriff untersucht. Wie Du völlig richtig sagst, unterscheidet der sich deutlich vom griechischen. Das hebräische oder aramäische Wort für Wahrheit kennen wir: Amen. Genauer: „aman“, was die Grundbedeutung von „fest, zuverlässig, tragfähig, relevant sein“ hat. Aman bezeichnet nicht einen abstrakten Sachverhalt, sondern ein erlebbares menschliches oder auch göttliches Verhalten gegenüber anderen, verweist also auf eine BEZIEHUNG und deren ZUVERLÄSSIGKEIT und TREUE. Wir sagen dann auch: ein WAHRER Freund, und meinen damit seine TREUE.

    Hebräisches Denken ist nicht abstrakt interessiert am Sein von irgendwem, auch nicht von Gott. Vielmehr steht Gottes WIRKEN und seine FUNKTION FÜR die Menschen im Blick. Ein Hebräer interessiert, WIE etwas oder jemand ist.

    Hebräische Wahrheit ist ein GESCHEHEN, ein EREIGNIS in der BEGEGNUNG. Dem Hebräer ist ein statisches SEIN fremd, er hat dafür noch nicht einmal ein Wort. Wahrheit nach biblischem Verständnis hat also nicht (nur) die Dimension von SEIN, sondern immer auch die QUALITÄT einer BEZIEHUNG. Wahrheit nach der Bibel meint einerseits absolutes, letztgültiges SEIN und andererseits verlässliche, treue, relevante BEZIEHUNG.

    Und in DIESEM Doppelsinne versteht Jesus meiner Meinung nach sich als WAHRHEIT:

    1. Griechisch: Er IST der Anfang und das Ende (allen Seins, vgl. Offg 21,6). Der Ursprung, der letzte Grund, aus dem alles entspringt und der alles erhält. Auf dessen WAHRHEIT im SEIN alles Existierende zurückfallen, zurückstürzen müsste, wenn nicht sein Wort, sein INFORMATIONSSTROM alles erhalten würde.

    2. Hebräisch: Jesus lädt ein zur Beziehung, zur Begegnung mit der verlässlichen, festen, treuen, relevanten WAHRHEIT seiner Person, seiner Botschaft und seiner Zusagen. In/zu ihm soll der Mensch seine besondere Würde, die GOTTESBEZOGENHEIT (also Beziehung!) finden. Denn Jesus taugt als FELS, als existenzielle Grundlage menschlicher Lebensentwürfe und ihrer -vollzüge.

    Wenn Jesus also sagt „Ich BIN die Wahrheit“, so meint er: Wenn Du Wahrheit suchst, dann suchst Du im Grunde mich. Denn nur bei mir findest Du sie. Denn ich BIN sie! Du erfährst sie in der Beziehung mit mir.

    Ist etwas ausschweifend geworden, aber vielleicht enthält mein Kommentar den einen oder anderen Gedankenanstoß. Die komplette Darstellung gibt es in unserem bereits zitierten Projekt der Catech’eria am „Abend der Wahrheit“, der übrigens der meistgebuchte ist.

    https://catecheria.org/wahrheit/

    Vielleicht sieht man sich ja mal dort? Viele Grüße an die Weser!

    Dirk

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