Obwohl er zur damaligen Zeit ähnlich bekannt war wie Thomas Müntzer, ist Schwenckfeld heutzutage fast vergessen. Sein „mittlerer Weg“ und sein Eintreten für Toleranz und Gewaltfreiheit haben zur Zeit der Reformation nur wenig Gehör gefunden. Er galt als „Spiritualist“, weil er das Innerliche des Glaubens und eine aus dem Herzen kommende Veränderung der Lebensführung stark gegenüber einem veräußerlichten Christentum betonte. Viele seiner Ansichten wurden im späteren Pietismus aufgegriffen.
#12 Reich Gottes in vier Mustern
Zwischenbilanz: Auffällig ist, dass alle beteiligten Religionsparteien ab einem gewissen Punkt gewalttätig wurden. Um solche verhängnisvollen Dynamiken besser zu verstehen, ist es nötig, auf das unterschiedliche Verständnis vom Reich Gottes zu sehen. Wir unterscheiden in der 1500 jährigen Kirchengeschichte bis hin zur Reformation vier Typen oder Muster: Eschatologisch, mystisch, politisch und kirchlich. Anhand dieser vier Modelle vom Reich Gottes lässt sich die teilweise völlige Gegenläufigkeit der unterschiedlichen Anliegen und Erwartungen der Reformatoren, Schwärmer, Spiritualisten, Antitrinitarier und Täufer besser nachvollziehen.
#11 Das Täuferreich von Münster
Die sich überschlagenden Entwicklungen in Münster in den Jahren 1534 – 1536 gelten als „Entgleisung der Reformation“. Um den einheimischen Prediger Bernhard Rothmann, den Propheten Jan Matthys und den Schneider Johann Bockelson aus den Niederlanden bildete sich eine apokalyptische Täufergemeinschaft, die die Wiederkunft Christi und das Gericht über die Gottlosen erwartete. Lange Jahre wurde mit „Münster“ und den „Umtrieben der Wiedertäufer“ die Ablehnung täuferischer Theologie begründet. Es ist an der Zeit, mit einem differenzierteren Blick auf die Ereignisse zu sehen.
#10 Melchior Hoffman
In Melchior Hoffman begegnet uns ein überaus wirkmächtiger Laienprediger der frühen Reformationszeit. In manchen Regionen entfachte er geradezu eine täuferische Massenbewegung – besonders in Ostfriesland und den Niederlanden. Anfänglich unterstützte er die lutherische Reformation. Von 1527 an wandte er sich immer mehr von Luthers Ansichten ab und predigte ein apokalyptisches Einbrechen des Gottesreiches. Auch wenn er selbst nicht zu militärischen Auseinandersetzungen anstiftete, wurden seine Ideen von den radikalisierten Täufern in Münster aufgenommen und führten zur Katastrophe. Hoffman starb 1543 desillusioniert in einem Straßburger Gefängnis.
#09 Exkurs ins 20. Jahrhundert
Die Diskussionen der Reformationszeit lassen sich bis in das 20. Jahrhundert verlängern. In aller Kürze sehen wir uns folgende Linien an: (1) Religiöse Sozialisten in der Schweiz, (2) Die Social Gospel-Bewegung in Nordamerika, (3) Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung, (4) Ernst Bloch und das Prinzip Hoffnung, (5) Leonardo Boff und die lateinamerikanische Befreiungstheologie und (6) Dorothee Sölle und ihre Anmerkungen zu Thomas Müntzer. An diesen Beispielen wird deutlich, wie sehr die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft mit der „sozialen Frage“ verbunden ist.
#08 Die Kraft der Utopien
Um das Jahr 1500 weitete sich der Horizont der damaligen Welt. Ab dann war die bestehende Gesellschaft nicht mehr alternativlos. Neue Ideen wurden formuliert. Berühmt ist die „Insel Utopia“ von Thomas Morus. Im deutschsprachigen Raum begegnen wir Sebastian Lotzer als Verfasser der „12 Artikel“, Johannes Hergot, der als Buchdrucker seine Vision niederschrieb und Michael Gaismair, der eine Bauernrepublik in Tirol aufbauen wollte. Immer ging es um die Leidenschaft, nicht nur auf eine bessere Welt zu warten, sondern diese auch aktiv in Angriff zu nehmen.
#07 Der „Bauernkrieg“
Der sogenannte „Deutsche Bauernkrieg“ wird völlig unterschiedlich bewertet. Die Einschätzungen reichen vom „größten Missverständnis der Reformation“ bis hin zum „Musterbeispiel für eine soziale Revolution“. Alles nur eine Frage der Perspektive? Was waren die Kernanliegen der Bauern und wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn sie mehr Unterstützung bekommen hätten?
#06 Exkurs ins 12. Jh.: Joachim de Fiore
Von wem war Thomas Müntzer inspiriert? Eine der bedeutsamsten Spuren führt zurück in das 12. Jahrhundert zu dem Abt Joachim de Fiore. Mit seiner dreigeteilten Geschichtskonzeption inspirierte er viele Denker bis in die heutige Zeit. Was wäre, wenn ein vom Geist geleitetes „Reich der Freiheit und der Freundschaft“ nicht erst im Himmel, sondern bereits hier auf Erden eine realisierbare Möglichkeit darstellte?
#05 Thomas Müntzer
Thomas Müntzer ist aus Martin Luthers Sicht der Inbegriff des Schwärmers. Für seine Anhänger gilt er dagegen als wahrhaftiger Verkündiger des Evangeliums und unerschrockener Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Noch lange nach Müntzers Tod polarisieren seine Ansichten. Um so spannender ist es, sich mit seiner Utopie von einer umgestalteten Gesellschaft auseinanderzusetzen und das klassische Bild der Reformation hinterfragen zu lassen.
#04 Andreas Bodenstein von Karlstadt
Karlstadt war ein führender Reformator der frühen Wittenberger Erneuerungsbewegung. Warum ist er so wenig bekannt? Zunächst war er ein Freund von Martin Luther, später ein erbitterter Gegner. Luther machte seine Reformen rückgängig und sorgte dafür, dass dieser als „Schwärmer“ vertrieben wurde. Schon bei Karlstadt finden wir aber sehr interessante Ansätze, die später von den Täufern wieder aufgegriffen wurden.