#23 Die Schleitheimer Artikel

Am 24. Februar 1527 traf sich eine Gruppe von Täufern in Schleitheim, um sich miteinander auf ihre Grundüberzeugungen zu verpflichten. Michael Sattler, ehemaliger Prior eines Benediktinerklosters, gilt als Verfasser der „Schleitheimer Artikel“. Neben der Betonung der Glaubenstaufe, der Bannpraxis, des Abendmahls als Erinnerungsfeier und der eigenen Wahl der Gemeindehirten ging es auch um folgende Punkte: Absonderung von der Welt, Nicht-Gebrauch des Schwertes und Verweigerung des Eides. In den Schleitheimer Artikeln wird eine konsequent pazifistische Position vertreten. Damit wurden sie zum Grundlagendokument für das Selbstverständnis der „Schweizer Brüder“ und darüber hinaus.

#22 Balthasar Hubmaier

Die Schriften von Balthasar Hubmaier gelten als die klarsten Darstellungen der täuferischen Lehre in der damaligen Zeit. Als Doktor der Theologie führte er die frühe inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Reformator Huldrich Zwingli in Zürich. In Waldshut und Nikolsburg, den Hauptwirkungsstätten von Hubmaier, kam es zu regionalen, Volkskirchen ähnlichen Täufergemeinden. Weil er aber teilweise dem Einsatz von Waffengewalt zustimmte, wurden seine Lehren in den pazifistischen Hauptströmungen nur eingeschränkt aufgegriffen. Hubmaier und seine Frau starben Anfang 1528 als Märtyrer in Wien.

#21 Wilhelm Reublin

Bei der folgenschweren Taufdisputation im Jahr 1525 in Zürich war neben Konrad Grebel und Felix Mantz auch Wilhelm Reublin dabei. Mit seiner Redebegabung und Entschlossenheit erzielte er später eine breite Wirkung rund um Schaffhausen. 10 Jahre lang engagierte er sich in der Täuferbewegung und durchlief dabei verschiedene Phasen: Von einer breitflächig reformatorischen Hoffnung über ein volkskirchliches Täufermodell bis hin zu einem freikirchlich kommunitären Ansatz. Zum Schluss scheiterte er an seiner eigenen Radikalität und wurde zu einem geächteten Mann.

#20 Das Martyrium der Täufer

Felix Mantz war der erste Märtyrer in Zürich. Er wurde Anfang 1527 mitten in der Limmat öffentlich ertränkt. Immer mehr gerieten die Täufer unter Druck und wurden verfolgt und ermordet. 1529 wurde auf dem Reichstag zu Speyer II das sogenannte „Wiedertäufermandat“ erlassen. Es schuf die rechtliche Grundlage für eine reichsweite und systematische Verfolgung aller Taufgesinnten. Erst in jüngeren Jahren wurde mit der geschichtlichen Aufarbeitung dieses Unrechts im Rahmen des christlichen Kontextes begonnen.

#19 Erste Glaubenstaufen in Zürich

Es war der 21. Januar 1525: Der Patriziersohn Konrad Grebel taufte mit einer Schöpfkelle den ehemaligen Priester Jörg Blaurock. Anschließend wurden durch Blaurock auch die anderen Anwesenden getauft. Von nun an verweigerte die Täuferbewegung nicht nur die Säuglingstaufe, sondern führte aktiv die Glaubenstaufe ein. Zu dieser Erkenntnis waren die ehemaligen Schüler des Schweizer Reformators Huldrich Zwinglis aufgrund ihres gemeinsamen Bibelstudiums gekommen. Nachdem sie aus Zürich vertrieben wurden, predigten und tauften sie in den umliegenden Gegenden.

#18 Täuferbewegungen

Die Entstehung der Täufer verlief nicht so einheitlich, wie lange Zeit angenommen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden die unterschiedlichen Strömungen und Ausprägungen untersucht. Umso spannender ist es, wie sich im Gegensatz zu einer Reformation „von oben“ oder einer Revolution „von unten“ ein Dritter Weg herausbildete. Schwankte es anfänglich noch zwischen Gewaltbereitschaft und Friedfertigkeit, setzte sich später immer mehr die Überzeugung einer konsequenten Verweigerung gegenüber gesellschaftlichen Zwang durch. Erste Umrisse von Religionsfreiheit, freikirchlichen Gemeinschaften und einer pluralen Gesellschaft werden erkennbar.

#17 Zwischenbilanz

Welche Anforderungen müsste eine ideale Kirche erfüllen? Die Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Ketzerbewegungen helfen, die Gestalt von Kirche neu zu durchdenken. Nachdem wir uns die Anfragen und Kritikpunkte von Schwärmern, Spiritualisten und Antitrinitariern angesehen haben, ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. „Radikale Reformation“ heißt auch, für heute zu fragen: Wie müsste Kirche aussehen, damit sie im Sinne Gottes und zum Wohle der Welt eine „gute Kirche“ ist?

#16 Antitrinitarier

Die Reformation war ein vielschichtiges Geschehen. Antitrinitarier praktizierten eine radikale Dogmenkritik im Zeichen der Vernunft. Sehr bekannt ist Michael Servet(us), der als Ketzer in Genf verbrannt wurde. Auch Fausto Sozzini und der sich in Polen entwickelnde Sozianismus hatte über längere Zeit starken Einfluss auf die gebildeteren Schichten. Ziel war es, ein vernünftiges, wahres Christentum zu formieren. Um die Vielfalt der Radikalen Reformation zu verdeutlichen, wird auch kurz auf den genialen Arzt Paracelsus eingegangen. Für ihn gehörten Glaube und Gesundheit zusammen.

#15 Exkurs: Erasmus von Rotterdam

Der Renaissance-Humanismus war eine breite Bildungsbewegung in ganz Europa. Erasmus gilt als „Fürst des Humanismus“. Seine Schriften legten die Grundlage für die weitere Reformation. In seiner Person ist Triumph und Tragik vereint. Auf der einen Seite korrespondierte er mit den höchsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Auf der anderen Seite wurde seine ausgleichende Art in den Wirren der Reformation als Lauheit und Unentschlossenheit gedeutet. In einem historischen Konflikt mit dem erstarkten Martin Luther wurde Erasmus schließlich theologisch beiseite gedrängt. Aber seine Idee von einer toleranten und friedfertigen Menschheit lebt weiter.

#14 Sebastian Franck

Für manche Forscher ist er der modernste Denker des 16. Jahrhunderts. Er war Einzelgänger und schloss sich keiner Kirche an. Sebastian Franck verfasste eine Reihe von Schriften, die weniger konfrontativ, sondern eher auf subversive Art die bestehenden Ordnungen in Frage stellten. Seiner Meinung nach hatte Wahrheit keine absolute, sondern eine geschichtliche Gestalt und musste immer neu in den aktuellen Kontext übersetzt werden. Das war einer der Gründe dafür, weshalb ihm theologische Rechthabereien zuwider waren und er sich gegen fromme Absolutheiten und die daraus folgenden – oftmals militanten – Auseinandersetzungen stellte.